Demokratie - Was hätte das eigentlich sein sollen?

Bekanntlich haben vor langer Zeit einmal irgendwelche Griechen - während Sklaven für sie die Arbeit verrichteten - wohl aus Langeweile über Politik-Theorie philosophiert (wodurch es ihnen sicher noch langweiliger wurde), und haben dabei den Begriff "Demokratie" aus der Taufe gehoben. Diese "Herrschaft des Volkes", wofür "Demokratie" bekanntlich steht, ist aber ein Widerspruch in sich: Ein Volk kann klarerweise nicht über sich selbst herrschen - geherrscht werden kann nur über andere (wie z.B. über besagte Sklaven). Die guten Griechen waren wohl gerade etwas angeheitert, als sich dieses Konzept in ihrer Fantasie bildete.


Aber nicht nur, dass ein Volk nicht über sich selbst herrschen kann - kein Volk würde das tun, auch wenn es noch könnte. Jedenfalls keines, das bei Trost ist. Es ist offensichtlich kein erstrebenswerter Zustand, wenn über einem geherrscht wird - und man kann nur erahnen, wie sehr die Menschen in ihrem Denken manipuliert sind, dass sie glauben, es müsse aber sie geherrscht werden.


Völker herrschen nicht - sie werden beherrscht. Und herrschen tun seit eh und je - genau wie damals bei den Griechen, die diesen Begriff erschufen - diejenigen, die an der Macht sind. Sprich: Menschen, die machtgierig und skrupellos genug sind, um - wo nötig mit Gewalt - Macht und Kontrolle über andere auszuüben.


Regierungen sind eine Möglichkeit dafür - aber es gibt andere. Insbesondere in der aktuellen Situation ist ja überdeutlich, dass Menschen ausserhalb der Regierungen die Herrschenden sind - und Politiker nur noch Marionetten. Aber letztendlich spielt das keine Rolle - die zentrale Frage ist ja nur, ob sich die Menschheit je an einen Punkt hin entwickelt, wo sie nicht mehr zulässt, dass irgendwer - in irgendeiner Form - über sie herrscht. Das wäre dann, um auf Kant's Definition der Aufklärung zurückzugreifen, "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" - der nach wie vor auf sich warten lässt. Es wäre sozusagen ein Erwachsenwerden der Menschheit - und die Voraussetzung dafür, dass sich so etwas wie ein menschenwürdiges Zusammenleben überhaupt erst entwickeln könnte.


Aber davon scheinen wir Lichtjahre entfernt zu sein. Wir sind, so zeigen uns die Ereignisse der letzten beiden Jahre, in der wohl extremsten Form von Unmündigkeit angelangt, die unsere Spezies je erlebt hat. Diejenigen, die heutzutage an der Macht sind - wer auch immer das genau ist - haben offensichtlich ein sehr leichtes Spiel mit uns Menschen - und nutzen das auch so schamlos aus, wie es überhaupt nur möglich ist.


Wenn es denn unbedingt ein griechisches Wort braucht, um die Zustände zu beschreiben, die wir in unserer Gesellschaft haben, so würde sich der Begriff "Oligarchie" aufdrängen - "Herrschaft der Wenigen". So ist es jetzt, und so ist es schon lange - wer auch immer jeweils genau diese Wenigen sind - und unabhängig davon, ob das Staatsoberhäupter oder Kirchenoberhäupter oder Firmenoberhäupter oder, wie zurzeit gerade Mode, ultra-reiche Privatpersonen sind - oder eine beliebige Mischung davon.


Von einer "Demokratie" konnte sowieso nie die Rede sein - dieses Konzept hat keinen Realitätsbezug. Gemeint damit ist ja konkret etwas ganz anderes - nur dass das üblicherweise nicht beim Namen genannt wird: Um zu verschleiern, dass wir es in unserer Welt mit Oligarchien zu tun haben, wird versucht den Anschein zu erwecken, als hätte die Bevölkerung - also diejenigen, über die geherrscht wird - irgendein Mitspracherecht. Konkret sieht das typischerweise so aus: Von den "unendlich" vielen Entscheidungen, die im gesellschaftlichen/politischen Alltag am Laufmeter getroffen werden, können gewisse Leute über einen lächerlich kleinen Teil davon abstimmen - in Abstimmungen, deren Ausgang in erster Linie von denen bestimmt wird, die am meisten Einfluss auf die Menschen ausüben können - was typischerweise diejenigen sind, die an der Macht sind. Und sollte etwas schief laufen dabei und das Volk doch plötzlich mal etwas durchsetzen, was nicht im Sinne der Machthabenden ist, dann lässt man halt das Demokratie-Deckmäntelchen fallen und herrscht direkt - siehe z.B. die aktuelle Situation, in welcher die Exekutiven der diversen Regierungen nach Belieben einen Notstand ausrufen und dann einfach machen, was sie (bzw. ihre Oberhäupter) wollen - unter kompletter Missachtung aller Mechanismen (wie z.B. Verfassung, Parlament, Justiz) die in der Theorie dazu da sind, eine solche Herrschaft der Wenigen zu verhindern.


Also nicht einmal wenn der Begriff "Demokratie" im hoffnungslos verwässerten Sinn verwendet wird, wie das in der Praxis üblich ist, wo er gerade mal noch dafür steht, dass das Volk den Machthabenden nicht komplett machtlos ausgeliefert ist, nicht einmal dann kann die Rede davon sein, dass wir irgendwann oder irgendwo eine Demokratie hätten oder je gehabt hätten.


Vielleicht wäre es eine Idee, wir würden damit beginnen, die Dinge bei ihrem wahren Namen zu nennen. Würden wir konsequent von Oligarchien reden anstatt von Demokratien, würden wir vielleicht auch eher auf die Idee kommen uns zu fragen, wie lange wir uns noch weiter von Wenigen beherrschen lassen wollen...



Text: Niels Kistler